Kunst der Lebendigkeit
Was für Joseph Beuys Fett und Filz, sind für Petra
Göhringer Machleid Wachs, Holz Papier: Signien des Lebens,
Sinnbilder von Lebendigkeit. Lassen Sie uns versuchen, das
Wesen dieser Materialien näher zu bestimmen. Denn die
Weise ihrer Wahrnehmung ist für diese Kunst signifikant.
Eine Kunst, die auch auf alle Sinne wirken will.
Wachs: das
Amorphe, leicht Formbare, das seine Konsistenz ändert
nach der Temperatur. Odysseus stopfte es sich in die Ohren,
um der Verführung nicht zu erliegen. Petra Göhringer
Machleid will uns mit Wachs verführen, zu einem Betrachten,
das sozusagen durch und in die Finger geht. Wir ertasten glatte
Flächen mit den Augen, folgen fließenden Blicks
den Verwerfungen des Materials. Petra Göhringer benutzt
Wachs in drei Erscheinungsformen: Als reines, duftendes Bienenwachs
und als blockhaftes Parafin. Sie formt es zu starren Quadern,
oder lässt es aufs Papier fließen, Schicht auf
Schicht- mal streng umrissen, mal eruptiv spritzend, tropfend,
auswolkend. Immer geht es um die luzide Qualität, seine
mehr oder minder große Transparenz. Mit Wachs lassen
sich Körper- hautähnliche Effekte erzielen- denken
Sie etwa an die Votivgaben in christlichen Kirchen: Gliedmaßen-
Hände und Füße aus Wachs. Wachsfiguren lagen
bei Trauerzügen auf den Särgen der verstorbenen
Potentaten-Körper von frappierender Portraitähnlichkeit.
Wachs kann gewesenes Leben repräsentieren. Denken Sie
an Madame Tussaud. Wachs steht aber auch für Wärme
und Leben und zwar nicht wie Beuys Filz als Wärmespeicher,
sondern als Wärmespender: Trägermaterial für
die lebendige Flamme, die es verzehrt. Als Kerze steht es
in der abendländischen Symbolik synonym für das
vergehende Leben- ein Vanitaszeichen. Bezeichnend, dass die
Künstlerin das Wachs langsam abbrennender Kerzen auf
rot markierte Papierbahnen tropfen lässt. Die Tropfspuren
setzen quasi einen Kontrapunkt auf die mäandernde rote
Bahn: Zeitzeichen im Lebensfluss.
Holz:
Das Feste, langsam Wachsende, Inbild der Beständigkeit,
sich verzehrend im Feuer, Schutz und Wärme spendend,
wenn man es um sich baut, den Ofen damit speist. Der Baum-
wie die Kerze ein Symbol der individuellen Existenz.
Papier:
Das Fragile, Spiel eines Windzugs und Rest von fernen Blütenträumen,
sofern es – wie in diesem Fall- eigenhändig geschöpft
ist. Vegetabile Masse, die zur Fläche wird für Information.
Göhringers Papiere aber enthalten keine Schrift. Sie
stehen ganz für sich, erzählen bestenfalls vom Prozess
ihrer Entstehung, bewahren: Erinnerung an Wiesenblumen. Hier
präsentieren sich Natur-Materialien als Kultur: geformtes
Material. Aber diese Formung führt nicht zur Wiedererkennbarkeit,
entzieht sich jeder Zuordnung, indem das Material quasi auf
einer Zwischenstufe verharrt: Zwischen Kultur und Natur. Gleichsam
unentschieden. Und doch ist die Anmutung der Objekte von fragloser
Klarheit.
Nichts wird hier suggeriert oder verborgen, und doch wirken
diese Objekte beinahen fetischhaft geheimnisvoll. Wachs, Holz,
Papier- kombiniert auf ebenso schlüssige wie originelle
Weise. Jedem Material bleibt sein eigener Charakter, nichts
wird hier verbaut, verstellt, degradiert zum Zweck und Mittel.
Vielmehr geht es um den Dialog, um die lebendige Korrespondenz
von Hartem und Weichen, Opakem und Durchscheinendem, Festem
und Flüssigem, Stabilem und Fragilem. Es geht um Berührung,
Verletzung, Durchdringen, um Öffnen und Verschließen.
Es geht um Verletzlichkeit, um den Mut zur Offenheit, ja zur
Entblößung. Obwohl jedes Bild, eine jede Skulptur
im Sinne ihrer ästhetischen Schlüssigkeit als “fertig“
zu gelten hat, sind Göhringers Arbeiten insgesamt der
Idee der Genesis verpflichtet.
Jeder Arbeit wohnt Bewegung inne, jede bezeichnet nur ein
Übergangsstadium, eine Etappe in der dauernden Metamorphose,
die das Leben ist. Ich betrachte diese Arbeiten vor allem
als Hommage an das Leben. Wem diese Äußerung zu
unkonkret erscheint, möge die Bilder und Skulpturen für
sich betrachten, ihre Sinnlichkeit mit den Augen ertasten,
ihre Körperhaftigkeit erfahren. Das Motiv der Reihung,
von Intervall und Brechung ist ebenso präsent, wie eine
latente Liebe zur natürlichen Geometrie, wie auch das
gewollte Gleichgewicht zwischen Strenge und Bewegung, Vehemenz
und Klarheit, Zufall und Formung, Freiheit und Notwendigkeit.
Die Künstlerin bedient sich des Zufällig Vorgefundenen,
des guten alten objet trouve, ohne dem Gedankenspiel zu viel
Raum zu lassen. Intellektuell überformt, argumentativ
oder rhetorisch ist diese Kunst nicht, vielmehr bei allen
formalen Raffinement und konzeptuellen Ansätzen äußerst
mittelbar, körpereigen. Selbst ganz körperlich zielt
sie auf unseren Leib, ist leibhaftig nicht mehr und nicht
weniger, als das, was wir vor uns sehen.
Der Aspekt der Zeit macht sich auf verschiedene Weise in ihr
gelten. Etwa durch den Ausdruck auf wachsgetränktem Papier,
der vom Faxgerät stammend, eine Fülle längst
vergessener Informationen sammelt und ästhetisch umformt
- zum subtilen Erinnerungsbild. Und wir werden bemerken, dass
die Künstlerin nur eine einzige Farbe autonom einsetzt:
Rot-Signal der Lebendigkeit. Alle anderen Töne sind naturbelassen-
auch dies ein Votum: Wir brauchen nicht mehr, es ist alles
schon da. Wir müssen nur hinsehen, auflesen, kombinieren.
Ein Votum für den Minimalismus, die Kunst der formalen
Bescheidenheit. Ein unerschöpflicher Weg, wie ich finde,
für die, welche das Finden und Sehen nicht verlernt haben
und über die Strenge der Selbstdisziplin verfügen:
Die Strenge des Verzichts. Nein zu viel ist hier nichts. Und
auch nicht zu wenig. Lassen Sie sich ein auf diese keinesfalls
poveren Dinge, auf ihre divergenten Energien. Dann werden
Sie erfahren, wie die Frage von Toni Buddenbrook, zu Beginn
des vielleicht schönsten Romans deutscher Sprache „Was
ist das?“, bald schon einer anderen weicht: “was
macht es mit mir?“ Ohnehin die fruchtbarste Frage an
die Kunst.
Stefan Tolksdorf